Was am Radwandern so megageil ist! Fahrradfahren und Philosophieren.

Fahrradfahren ist wie Philosophieren. Ein Stück weit zumindest. Als studierter Philosoph kann ich das sagen. Es ist ein gewisser Kampf, der dahinter steht und auch eine gewisse Meditation. Man ist oft verzweifelt, aber man wird doch süchtig.

Außerdem muss man sich immer wieder überwinden. Aber wenn man sich überwunden hat, dann sieht man etwas Neues. Selbst wenn man eine Strecke ein zweites Mal fährt, so kann man neue Details erkennnen.

Wie beim Fahrradfahren ist beim Philosophieren der Endpunkt nicht das Entscheidende. Wenn man das Ziel erreicht hat, will man weiter. Der Prozess ist wichtiger als das Ergebnis. Wie man als Philosoph eine Wahrheit zu erreichen versucht, so versucht man als Fahrradfahrer den nächsten Ort zu erreichen. Doch wenn man ihn erreicht hat, verschwindet er gewissermaßen als Fixpunkt. So ähnlich ist das mit der Wahrheit auch. Erreicht man eine Wahrheit, so sucht man die nächste. Denn es gibt deren viele.

Ach, und ich bin kein Konstruktivist. Die Wahrheit gibt es. Das Ziel gibt es. Aber es ist nur wichtig, als dass man es erreichen kann und erreichen muss. Aber das Erreichte selbst ist ein Stück weit langweilig. Vergänglich. Ja, Fahrradfahren und Philosophieren haben vieles gemeinsam.

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Wie ich mit dem Radreisen, dem Radwandern exzessiv anfing

Angefangen hat dieses exzessive Radwandern bei mir zwar schon früh, aber ich habe eine lange Pause gemacht. Erst letztes Jahr – im Jahr 2016 – hatte ich die Möglichkeit 2 Monate lang durch Europa zu fahren. Das war sehr gut und so habe ich eben nicht nur Europa entdeckt, sondern das Fahrradfahren als Leidenschaft.

2017 wollte ich dann weitermachen. Das konnte es nicht gewesen sein mit einer einzigen Europatour, dachte ich mir. So beschloss ich eben diesen Blog zu starten und alle möglichen Flussradwege zu befahren. Vor allem in Deutschland, aber eben auch in den Nachbarländern, die ja alle nicht so weit weg sind. Meine Standardstrecke sind die 120 Kilometer von Tübingen bis nach Straßburg.

Was auch so faszinierend am Radwandern ist – wie ich es betreibe: Man erlebt dadurch so richtig, wo man lebt. Als Wanderer ist man da zu langsam. Wer fährt denn schon mal nach Hirrlingen und schaut sich das einfach so an? Wir leben ja heute noch mehr in einer Blase als sonst. Wir sind zwar mobil und können für 20€ nach Mallorca fliegen, aber unsere Umgebung kennen wir nicht.

Schloss Hirrlingen - Radtour durch den Kreis Tübingen und das Steinlachtal
Ich so in Hirrlingen. Ohne die Leidenschaft des Radfahrens wäre ich hier noch nie gelandet!

Ich will nicht sagen, dass das in früheren Zeiten anders war und nostalgisch zurückblicken. In früheren Zeiten vor hundert Jahren, da war man gar nicht mobil im Vergleich zu heute. Doch das Problem der heutigen Zeit ist: Wir befinden uns in einer Blase und diese Blase wollen wir eben in anderen Ländern auch so erleben. Wir treffen dann, wenn wir woanders sind die gleichen Millieus, die gleichen Leute, den gleichen Typ Menschen.

Wir wundern uns dann über komische Wahlergebnisse und warum die anderen nicht so – urban – denken wie wir. Doch dieses einseitige Denken kann man eben überwinden mit der Methode: In seiner Umgebung und anderen Umgebungen fahrradzufahren.

Ich meine das auch so: Wenn man schon mit dem Auto irgendwo hin fährt, so sieht man die Umgebung ja auch nicht. Zum Beispiel: Man fährt nach Berlin und lernt Brandenburg nicht kennen, weil man über einer Autobahn über es hinwegbraust. Man bekommt kein Gefühl für den Ort und kann sich so vielleicht nicht so richtig in andere hineindenken. Mit dem Fahrrad würde man eher mal Halt machen und so die Lage in Brandenburg abchecken.
Insofern: Wer viel Rad fährt im Sinne von Radwandern lernt nicht nur einfach die Welt kennen, er lernt die Umgebung der Welt kennen, in der er sich normalerweise wohl fühlt. Und das kann durchaus erkenntniserweiternd sein.

Neckarradweg Esslingen Altstadt
In Esslingen. Ja, ich bin ein Radfahrer. Aber ein langsamer. Dafür kann ich cool in die Kamera gucken.

Ich bin kein Sportler – Ich bin nur Radfahrer

Das Radfahren ist für mich also so ein bisschen empirische Sozialforschung. Ich gucke nur. Vielleicht bin ich nicht mal der beste darin. Aber ich probiere es eben aus und es macht mir Spaß.

Kant hat einmal gesagt: Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind. Das Beste ist also, wenn man beides kombiniert: Das theoretische Begriffliche und das Gucken, das Anschauen. Gerade im sozialen Bereich ist das Gucken immer eine Art geschultes Gucken. Man guckt nicht nur einfach, sondern man denkt währenddessen.

Radfahren ist für mich also kein Selbstzweck. Keine rein körperliche Ertüchtigung, sondern vielmehr eine geistige. Der sportliche Aspekt interessiert mich wenig. Körperlich ist für mich nur wichtig, dass ich immer genug Energie in Form von Kohlehydraten und Vitaminen habe. Ja, Essen ist natürlich wichtig. Aber eben auch wieder eingebettet in Kultur, Ökologie etc.

Kann man also exzessiv Radfahren so wie ich es tue und dennoch Sport hassen? Ja, man kann. Ich mag den Wettbewerbsgedanken am Sport nicht so. Oder so gesagt: Im Fernsehen schaue ich ihn mir schon einmal an, ich habe nichts gegen Sport. Aber ich habe ihn selbst für mich überhaupt nicht.

Es interessiert mich nicht so sehr wie schnell ich vorankomme, ob ich schnell oder langsamer als irgendwer am Ziel bin. Der sportliche Gedanke ist also vollkommen uninteressant für mich. Mich interessiert das Erlebnis und auch die Gedanken, die ich beim Radtourenfahren habe und die sich weiterentwickeln.

Aber auch manche Reiseradler haben diesen Gedanken, möglichst schnell überall gewesen zu sein. Mir geht es nur darum zu schauen, in welcher Umgegung ich lebe. Was ist dieses Deutschland und vor allem dieses Europa überhaupt ist!?

Radtouren Checker Bodenseeradweg Bodensee Radtour
Philosophierend und frierend am Bodensee (im Winter).

Und natürlich politische, soziale und geschichtliche Dinge. Man kann die Geschichte eines Ortes viel besser verstehen, wenn man dort war. Es ist nicht so abstrakt, sondern man verbindet ein spezififisches Erlebnis damit. Auch wenn das Erlebnis nur kurz war. Ich habe jetzt Erlebnisse zu Bad Tölz, Enzklösterle, Schengen (Luxemburg) am Dreiländereck, Sipplingen am Bodensee, Breisach am Rhein, Deggendorf an der Donau (Bayern) in meinem Kopf. Ich kann diese abrufen und so das ganze besser mit Inhalt füllen.

Solche Erlebnisse hatte Kant eben nicht. Er war Zeit seines Lebens nur in Königsberg. Doch recht hat er: Ohne Anschauungen sind Begriffe blind. Und zu all den genannten Orten und noch vielen mehr habe ich Begriffe oder erweitere zudem gar noch mein Begriffsreservoir! Radreisen machen halt klug!

3 Gedanken zu „Was am Radwandern so megageil ist! Fahrradfahren und Philosophieren.“

  1. Hallo Markus, mir geht es genauso mit der Sucht nach Laufen. Wenn du es nicht machst, dann sitzt du faul auf deiner Haut und machst gar nichts. Aber so bald du anfängst, verspürst du so ein Gefühl und Leichtigkeit, das du gar nicht mehr aufhören möchtest. Das ist einfach nur geil und schön. Ich hatte schon paar Momente, wo einige gesagt haben „Hör mal langsam auf und ich bin einfach weiter gelaufen, weil ich einfach nur Lust darauf hatte. Aber an dir schätze ich es, das du nicht nur jeden Tag Lust darauf hast, sondern es auch machst. Das find ich geil.

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